Sonntag, 10. Mai 2015

32-2015: Erfindungen träge für die Praxis? – Teil III



Dieses „barrierefreie“ Bad wurde unteranderem auf dem 8. AAL Kongress auf dem Papier vorgestellt. Einige Elemente konnten live begutachtet werden.

Schauen wir doch einmal genauer hin, wenn Sie wirklich ein barrierefreies Bad haben wollen.

Positiv bleibt anzumerken, dass es gut ausgeleuchtet, bodengleich und der Waschtisch unterfahrbar ist. Die Glasscheibe mitten im Raum jedoch, bietet eine hohe Gefahrenquelle für Jung und Alt. Kinder können durch ihren Spieldrang in die Scheibe rennen und Ältere durch erhöhte Gleichgewichtsstörungen hineinfallen. Außerdem schränkt die Glasscheibe die Bewegungsfläche ein. Sollte Hilfe bei der Grundpflege benötigt werden, hätte eine zweite Person keinen Platz genau vor dem Sitz, so dass eine ordnungsgemäße Pflege äußerst schwierig werden würde. Ein Rollstuhlfahrer hätte nicht einmal ein Mindestmaß von 120 cm Breite Platz!

Die Fläche des Sitzes ist zu gering und das Fehlen von einem oder zwei Stützbeinen erhöht zudem die Sturzgefahr. Durch das vorhandene Gewicht eines Menschen kippt der Sitz automatisch immer im individuellen Winkel nach unten. Außerdem fehlt eine kleine Aussparung im Sitz, weil zu einer ordentlichen Grundpflege eine Intimwaschung gehört.

Das Waschbecken unterstützt keinen sicheren Halt - es fehlen die Haltegriffe. Der Wasserhahn hat nur winzige Anzeigen für kaltes (blau) und warmes (rot) Wasser. Selbst meine Tochter musste sehr nah herantreten, um die Farben erkennen zu können. Sie sagen sich vielleicht, dass jeder wissen müsste, wo warm und kalt ist. Wie wäre es aber, wenn Sie sich durch neurologische Störungen nicht mehr erinnern können? Vielleicht haben Sie im Alter eine extreme Sehschwäche. Schlimmstenfalls beides zugleich. Selbst Kleinkinder, welche die „Regeln des Alltags“ noch nicht stark verinnerlicht haben, können sich so stark verbrühen. Was spricht bitte gegen eine gut sichtbare Markierung? Der Wasserhahn besitzt außerdem keine ergonomische Form. Menschen mit Kontrakturen und anderen Einschränkungen können ihn kaum bedienen.

Dies waren einige wenige Punkte, welche aus unserer Praxis gelebter Alltag sind. Wir fordern Theoretiker auf, mit Personen aus der Praxis zu kooperieren und umgekehrt. Beide Seiten könnten enorm voneinander profitieren. Ob Erfinder, Unternehmer, Pflegebedürftige, pflegende Angehörige, Professionelle und viele mehr…

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